„Unser Angebot steht allen offen“

Nicht nur Kinder und Jugendliche suchen Rat bei ihnen, auch Eltern und Lehrer: Schulpsychologen arbeiten in externen Beratungsstellen oder in der Schule selbst, was sich meist aber nur Privatschulen leisten können. Diese Experten sind heute sehr gefordert, denn Probleme im Bereich der schulischen Bildung haben zugenommen. Der Lehrer, Psychologe und Psychotherapeut Klaus Seifried verfügt über langjährige Erfahrung als Schulpsychologe. 13 Jahre leitete er ein Schulpsychologisches Beratungszentrum. Er erklärt, warum heute auch Krisenintervention, Supervision und Teamberatung zum Arbeitsalltag eines Schulpsychologen gehören.

Foto: Markus Wächter / Waechter Klaus Seifried, Leiter des Schulpsychologischen Beratungszentrums

Klaus Seifried ist selbst Lehrer und hat über mehrere Jahrzehnte in der schulpsychologischen Beratung gearbeitet. Foto: ©Markus Wächter

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer kann bei Schulpsychologen Rat suchen?
Klaus Seifried: Wir Schulpsychologen verstehen uns als Dienstleister für Schulen. Unser Angebot steht allen offen, Schülern, ihren Eltern, Lehrkräften, Erzieherinnen, Schulleitungen und der Schulaufsicht. Die Beratung ist für die Ratsuchenden kostenfrei und unterliegt der Schweigepflicht. Wir unterscheiden zwischen der Einzelfallberatung, zu der vor allem Eltern, Schüler und auch ihre Lehrkräfte kommen, und der Systemberatung, das heißt der Beratung einer Schule insgesamt.

Was hat sich in den vergangenen 20 Jahren verändert?
Vor allem hat sich die Situation an den Schulen geändert: Vielfach müssen Lehrkräfte Erziehungsaufgaben übernehmen. Familiäre Strukturen zerfallen, circa 40 Prozent der Ehen in Deutschland werden geschieden. Das betrifft jedes Jahr etwa 100 000 Kinder und Jugendliche, die lernen müssen, diese Familienkonflikte zu verarbeiten. Andere erfahren zu wenig Erziehung, ihnen werden kaum Grenzen gesetzt. Bildungsferne Eltern unterstützen ihre Kinder in der Schule nur wenig. In Großstädten wie Berlin sind bis zu 30 Prozent der Kinder von Armut betroffen. Konflikte mit Mitschülern nehmen zu.

Welche Auswirkungen hat diese veränderte schulische Situation auf die Arbeit der Schulpsychogen?
In den vergangenen Jahren wurden die Problemlagen und Fälle immer komplexer. Einfache Anliegen wie Hausaufgabenprobleme oder eine Schullaufbahnberatung sind bei uns inzwischen die Ausnahme. Häufig arbeiten wir mit dem Jugendamt, mit behandelnden Ärzten, Psychotherapeuten oder der Polizei zusammen. Wichtige Kooperationspartner sind für uns auch die Schulsozialarbeiter und Sonderpädagogen, wenn diese in Schulen arbeiten.

Eines der Arbeitsfelder ist die Systemberatung – was ist damit gemeint?
Die Einzelfallberatung ist immer systemisch, das heißt, ich muss sowohl die Lebensbedingungen in der Familie als auch die Lernbedingungen in der Schule in die Beratung einbeziehen.
Die Systemberatung, also die Beratung des Systems Schule insgesamt, gab es vor 20 Jahren in dieser Form noch nicht. Hierbei beraten wir Schulleitungen und Kollegien bei der Schulentwicklung, Gewaltprävention oder Gesundheitsvorsorge. Auch Teamsupervision gehört dazu, denn die moderne Schule erfordert Teamarbeit und kein Einzelkämpfertum.

Mit welchen Problemen sind Schulpsychologen im Arbeitsalltag konfrontiert?
Einen Schwerpunkt bilden Lern- und Verhaltensprobleme, aber auch Mobbing und Gewalt. Etwa 30 Prozent der Schüler haben Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen. Etwa fünf Prozent entwickeln eine Lese-Rechtschreib- oder eine Rechenstörung, die meist lerntherapeutisch behandelt werden muss. Begabungsförderung, Diagnostik und Beratung ist ein weiterer Arbeitsschwerpunkt. Bei Mädchen häuft sich autoaggressives Verhalten wie Ritzen oder Magersucht. Auch junge Menschen, die unter Prüfungsängsten leiden, suchen Beratung.
Kriseninterventionen werden häufiger. An einer der Schulen, für die ich zuständig war, bedrohte ein Vater die Schulleiterin so massiv, dass die Polizei kommen musste. Der Sohn sah zu, wie sein Vater von Polizisten zu Boden geworfen und fixiert wurde. Die Schulleiterin war emotional stark belastet, aber auch der Schüler brauchte psychologische Betreuung. Zur Zeit des Anschlages in Nizza, im Juli 2016, waren zehn Berliner Schulklassen dort auf Klassenreise, eine Lehrerin und zwei Schüler wurden Opfer des Attentats. Da haben wir die Klassen am Flughafen abgeholt und auch in den nächsten Tagen in der Schule betreut. Nicht alle wollten ein Gespräch, aber viele waren traumatisiert und brauchten psychologische Unterstützung.

Situationen wie nach dem Attentat von Nizza sind ja zum Glück kein Alltag.
Das ist die glücklicherweise die Ausnahme. Aber auch persönliche Krisen können den Schulalltag stark belasten, etwa wenn ein Schüler bei einem Verkehrsunfall stirbt, oder eine Lehrkraft in der Schule einen Herzinfarkt bekommt. Auch Suizidversuche von Schülern habe ich erlebt. Phasenweise waren Amokdrohungen von Schülern ein Versuch, um Klausuren zu verhindern. Natürlich muss nicht immer gleich der Schulpsychologe kommen, sondern manchmal erst der Krankenwagen, die Feuerwehr oder die Polizei. In Notsituationen sind wir kurzfristig vor Ort, und versuchen, die Beteiligten zu stabilisieren und die Schulleitung und Schulaufsicht zu beraten, welche Maßnahmen sinnvoll sind. Unser Ziel ist, Ruhe ins System zu bringen.

Was hat sich nach dem Amoklauf in Erfurt vor mittlerweile 16 Jahren in der Schulpsychologie verändert?
In den Jahren nach Erfurt haben alle Bundesländer Konzepte zur Gewaltprävention und Krisenintervention entwickelt. Einige Bundesländer wie Baden-Württemberg haben die Anzahl an Schulpsychologen deutlich erhöht. Dennoch ist Deutschland schulpsychologisch deutlich unterversorgt. In Großstädten wie Berlin, Hamburg, München oder Düsseldorf besteht die beste Versorgung, ein Schulpsychologe für circa 5000 Schülerinnen und Schüler. Nach Erhebungen des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen liegt der Durchschnitt in Deutschland bei 1:8600. Besonders dramatisch ist die Situation in Niedersachsen und Sachsen. Dort ist ein Schulpsychologe für 15 000 oder sogar 16 000 Schulpflichtige zuständig. In vergleichbaren Ländern wie Kanada, den USA, Skandinavien oder der Schweiz ist die schulpsychologische Versorgung deutlich besser: In Zürich oder Kopenhagen 1:800. Dort findet man an jeder größeren Schule einen Schulpsychologen.

Sie sind selbst ausgebildeter Lehrer. In Berlin und anderen Bundesländern ist das für Schulpsychologen nicht selbstverständlich. In Bayern haben sie alle ein Staatsexamen und müssen außerdem einen Abschluss im Fach Schulpsychologie machen. Wie beurteilen Sie das aus Ihrer Praxiserfahrung heraus?
Es ist gut, wenn ein Schulpsychologe pädagogische Erfahrung hat, weil er so das System Schule besser kennt und versteht und dadurch bei Lehrkräften mehr Akzeptanz erfährt. Allerdings haben die Kollegen in Bayern keinen Master oder Diplom in Psychologie, sondern studieren als Lehrkraft das Wahlfach Schulpsychologie. Außerdem unterstehen die bayerischen Schulpsychologen der jeweiligen Schulleitung und sind dadurch weniger unabhängig. Schulpsychologische Beratung sollte aber von der Schulleitung unabhängig sein. In Bayern müssen Schulpsychologen zudem hauptsächlich unterrichten, die meisten sind nur mit vier oder sechs Wochenstunden für Beratungstätigkeit freigestellt. Schulpsychologen sollten aber vom Unterricht freigestellt sein.

Durch den Zuzug von Geflüchteten hat sich einiges in den Schulen geändert. Was bedeutet das für die Arbeit von Schulpsychologen?
Integration und Inklusion sind keine neuen Themen. In deutschen Großstädten sind Schulen bereits seit Jahrzehnten mit der pädagogischen Integration von Kindern mit Migrationshintergrund, das heißt mit Sprachproblemen und Kulturdilemmata, beschäftigt. Gerade Schulen haben in den vergangenen Jahren einen wesentlichen Anteil an der Integration der Flüchtlingskinder geleistet. Als wichtig betrachte ich hierbei, den Kindern und Jugendlichen möglichst schnell den Zugang zur Schule zu ermöglichen, auch wenn der Status der Familie noch nicht geklärt ist. Die verordnete Passivität in Flüchtlingsheimen führt zu Resignation. Das beste Mittel gegen Resignation und Traumatisierungen sind Aktivität im Alltag, Arbeitsmöglichkeiten und das Gefühl von Selbstwirksamkeit: „Ich kann mir ein neues Leben aufbauen.“
Erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 25. Januar 2018
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