Kreative Energie

Immer mehr Abiturienten entscheiden sich für eine Ausbildung im Handwerk: 2018 haben knapp 15 Prozent der Abiturienten eine Handwerkslehre begonnen – zehn Jahre vorher waren das gerade mal 6,3 Prozent der Abiturienten. Keine schlechte Entscheidung, denn die Zukunftschancen für Handwerker sehen rosig aus. Weil in den kommenden Jahren besonders viele in Rente gehen werden, braucht es gut ausgebildete Nachfolger. „Für Abiturientinnen und Abiturienten im Handwerk bieten sich so gute Zukunfts- und Karriereperspektiven bis hin zur eigenen Betriebsleitung wie selten zuvor“, sagt eine Sprecherin des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Doch auch andere Gründe sprechen für’s Handwerk. Drei Abiturienten schildern, warum sie für eine Ausbildung entschieden haben.
Paula.ZwanzigPaula Zwanzig (21) aus Leipzig, backt gerne und macht eine Ausbildung als Konditorin: 

 

 

 

 

„Das mit dem Backen fing bei mir schon als Kind an. Ich war vier oder fünf Jahre alt, als ich unbedingt Muffins backen wollte – ohne Rezept. Meine Mutter hat mir geholfen, und man konnte das Endergebnis sogar essen. Mein erstes Praktikum in der sechsten Klasse habe ich in einer Chocolaterie gemacht. Gleich am ersten Tag sollte ich Schokolade temperieren. Dabei muss die Schokolade genau die richtige Temperatur haben, damit sie beim Erstarren nicht grau oder stumpf aussieht. Ich war ganz schön aufgeregt, aber es hat geklappt.
Ursprünglich hätte ich Psychologie studieren wollen. Leider wäre das nur mit sehr vielen Wartesemestern möglich geworden, mein Abidurchschnitt hat nicht gereicht. Eine Berufsberatung hat mich dann darauf gebracht, dass eine Ausbildung ja auch eine gute Möglichkeit wäre. Nach einem Praktikum in einer Konditorei war ich ganz sicher, dass das das Richtige für mich ist. Meine Freunde aus der Schule fanden das gut „Cool, Konditorin, da machst du ja voll leckere Sachen.“
Trotzdem habe ich mir nach der Schule ein Jahr Zeit gegönnt, bis ich angefangen habe mit der Ausbildung. Ich war für ein halbes Jahr bei meinem Patenonkel in Wales und habe dort in einem Fish and Chips Shop gejobbt. Und zuhause in Leipzig bei einem Bäcker im Verkauf. Auf Dauer wäre mir das zu anstrengend – ständig mit so vielen Leuten zu tun zu haben, immer lächeln müssen, auch wenn die Kunden mal nicht so nett sind.
In der Produktion fühle ich mich viel wohler. Ich mag es, den ganzen Tag auf den Beinen zu sein und etwas mit den Händen zu machen. Am Ende des Tages schaue ich dann in den Kühlschrank, wo die Torten aufbewahrt werden, und sehe, aha, das hat du also heute alles hergestellt. Zur Zeit, also in der kälteren Jahreszeit, sind das vor allem Sahnetorten und Cremetorten, im Sommer eher Fruchttorten. Und Leipziger Lerchen, eine Leipziger Spezialität. Das sind kleine Törtchen aus Mürbeteig mit Marzipanfüllung und einem Klecks roter Konfitüre, die das Herz der Lerche symbolisiert.
Wenn ich im nächsten Jahr fertig bin mit meiner Ausbildung, bleibe ich wahrscheinlich erst mal im Betrieb. Ich könnte mir aber auch vorstellen, ins Ausland zu gehen – vielleicht nach Österreich, um noch mehr zu lernen. Aber ich lasse das auf mich zukommen.“

Maria.Helmke2Maria Helmke (20), will Raumausstatterin werden:
„Das Abi habe ich geschafft, aber es war knapp. Ich habe große Prüfungsangst, und deshalb musste ich in eine Nachprüfung. Aber obwohl ich wusste, dass ich nicht unbedingt studieren will, sondern dass ich mich eher für eine Ausbildung entscheiden würde, habe ich es nie in Frage gestellt, ob ich Abi mache. Durch das Abitur kann ich mir eine Türe offen halten – falls ich doch irgendwann studieren möchte. Innenarchitektur oder Design könnte ich mir vorstellen.
Vielleicht habe ich meine Leidenschaft fürs Gestalten von meinen Großeltern Beide waren Schneider. Als Kind war ich oft bei ihnen in ihrem Atelier, das hatten sie im Keller ihres Hauses eingerichtet. Sie schneiderten Jackets, Hosen, elegante Kleider. Das hat mir gefallen. Ich nähe selbst gerne, aber eher Kissen oder Vorhänge.
Nach dem Abitur wollte ich reisen und habe mit für ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Kindergarten in Peru entschieden. Als ich zurückkam, war mein Wunsch, Raumausstatterin zu werden, immer noch da. Einrichten macht mir einfach großen Spaß. Was Innenausstattungen von Räumen angeht, mag ich es persönlich eher schlicht. Kein Tüll oder Glitzer, lieber natürliche Farben. Hell müssen sie sein, zum Beispiel ein helles Blau, ein bisschen Rosa, aber zurückhaltend, denn Rosa ist keine einfache Farbe. Beige finde ich toll.
Schon in der 9. Klasse habe ich ein Praktikum bei einem Raumausstatter gemacht. Da war mir gleich klar, dass ich da richtig bin. Ich durfte viel im Nähatelier mitarbeiten, habe aus den Stoffresten Kissen genäht, auch auf Montage konnte ich mit. Letztes Jahr, nach meiner Rückkehr aus Peru, habe ich mir eine Praktikumsstelle bei einem anderen Raumausstatter gesucht. Das hat mir super gut gefallen. Ich durfte abpolstern, die Mitarbeiter haben mich auf Montage mitgenommen, ich war total mit eingebunden.
Ich hätte gerne schon früher mit der Ausbildung angefangen, aber weil ich im August noch in Peru war, war es für die Bewerbung zu spät. Die meisten Betriebe wollen, dass man vorher ein Praktikum macht. Das wäre zeitlich nicht mehr möglich gewesen. Jetzt bin ich gerade dabei, mich wieder zu bewerben, erst für ein Praktikum, dann für den Ausbildungsplatz.“

Anton.KirchnerAnton Kirchner (20) aus Berlin, ist im zweiten Ausbildungsjahr als Holzmechaniker:

 

 

 

 

 

„Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Design oder Maschinenbaum studieren. Für beides braucht man mehrwöchige Vorpraktika, für das Designstudium hätte ich außerdem eine Mappe mit Arbeiten zusammenstellen müssen. Das habe ich allerdings erst gemerkt, als die Zeit dafür nicht mehr gereicht hat. Deshalb habe ich mich für Angewandte Informatik an einer Berliner Hochschule eingeschrieben. Das logische Denken, das Problemlösen hat mir schon in der Schule Spaß gemacht. Aber noch vor Ende des ersten Semesters habe ich festgestellt, das mir das zu trocken und zu theoretisch ist. Man hat kein physisches Resultat.

Weil ich es ganz gut fand, ein Praktikum zu haben, falls ich doch noch Design studieren will, habe ich drei Wochen in einer kleinen Schreinerei im Dorf meiner Großeltern gearbeitet. Durch Zufall habe ich von der Firma erfahren, bei der ich jetzt in Berlin meine Ausbildung als Holzmechaniker mache. Die Firma ist auf szenographische Bauten weltweit spezialisiert, das sind Museums- und Ausstellungsbauten und Bühnenbilder für Theater und Opern.
Nach einem Monat Praktikum hat mich einer der Chefs gefragt, ob ich nicht bleiben und eine Ausbildung machen möchte. Ich habe sofort ja gesagt. Holzmechaniker ist als Beruf eng mit dem Schreiner verwandt – mit dem Unterschied, dass Holzmechaniker normalerweise eher in der industriellen Herstellung tätig sind.
Mir hat die Arbeit von Anfang an gefallen, weil sie sehr abwechslungsreich ist. Man ist auch mal in der Schlosserei oder lernt was von den Theatermalern. Ich mag es besonders gerne, wenn wir auf einer Theaterbühne etwas probebauen. Ich schaue mir öfters die Stücke an, für die wir das Bühnenbild erstellt haben. Es ist toll, das zu sehen und dabei zu wissen: das habe ich gebaut, da und da hatten wir Probleme.
Die Berufsschule ist okay. Gut finde ich, dass die Schule Auslandspraktika anbietet. Ich war zum Beispiel drei Wochen in Paris bei einem Restaurator.
Wenn ich mit der Ausbildung fertig bin, würde ich noch ein halbes Jahr oder länger im Betrieb bleiben. Danach will ich reisen, oder doch studieren. Vielleicht Möbeldesign – auf alle Fälle etwas, das meine Ausbildung erweitert.“
erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 13. März 2020