Helfen ohne Helfersyndrom

Heike Sohnas Coaching-Praxis liegt mitten in Berlin-Kreuzberg. Helle Räume mit hohen Decken im Erdgeschoss einer Seitenstraße, Kunst an den Wänden, ein großer Holztisch im Besprechungsraum. Seit 18 Jahren coacht die heute 53-Jährige Einzelpersonen und Unternehmen zusammen mit einem Team von sieben freiberuflichen Coaches, zwei Trainern und einem fest angestellten Mitarbeiter, der ihr die Verwaltungsarbeit abnimmt. Sie ist gut ausgelastet – das ist nicht bei allen Coaches so. „Die wenigsten können nur vom Coaching leben“, sagt Christopher Rauen, Diplom-Psychologe und Vorstandsvorsitzender beim Deutschen Bundesverband Coaching e. V. (DBVC), „für die meistens ist das ein Zubrot.“ Zu diesem Ergebnis kommt auch die 4. Marburger Coaching Studie der Philipps-Universität Marburg. Neben klassischem Coaching bieten die meisten Coaches andere Dienstleistungen an, zum Beispiel Supervision, Trainings oder Unternehmensberatung.

Auch Heike Sohna arbeitet als Supervisorin im sozialen Bereich. Dennoch macht das Einzelcoaching den Hauptteil ihrer Arbeit aus. Sohna und ihre Mitarbeitenden haben drei Kundenfelder: Unternehmen, Selbstzahler – vor allem Frauen, sagt Heike Sohna – und vom Arbeitsamt finanzierte Einzelcoachings. Hierfür braucht es einen AVGS (Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein) der Bundesagentur für Arbeit oder vom Jobcenter, der dann die Kosten übernimmt.

Was ist das eigentlich, Coaching?  „Beim Coaching geht es darum, gemeinsam mit den Coachees, also den Kunden, individuelle Lösungswege zu finden“, erklärt Coaching-Experte Rauen, „wir sind Entwicklungsarrangeure.“ Ursprünglich kommt der englische Begriff Coach aus dem Leistungssport im angelsächsischen Raum Ende des 19. Jahrhunderts – mit Coach war der Trainer gemeint. In den 60er und 70er Jahren entdeckte man die Analogien zwischen Sport und Management. Damals veröffentlichte der Tennisspieler Timothy Gallwey sein bis heute in Coaching-Kreisen gern zitiertes Buch „The Inner Game of Tennis“. Die Business-Coaching-Welle baute sich bereits in den 80er Jahren auf und ebbt seither nicht ab.

Es gilt aber, genau zwischen Coach, Trainer und Berater zu unterscheiden. „Ein Trainer hat ein Spezialwissen, das er in idealtypische Ablaufmuster bringt“, sagt Rauen. Berater sind ebenfalls Experten. Das Ziel einer Beratung ist meist Entlastung – siehe Steuerberater. „Dieser übernimmt Aufgaben, die eigentlich meine wären“, sagt Christopher Rauen. Der Coach kann ein Korrektiv darstellen, insbesondere im Unternehmensbereich und dort in der Führungsetage. Rauen: „Wenn Sie sich ein Umfeld schaffen mit Leuten, die nur noch sagen, was Sie hören wollen, führt das zu einem verzerrten Selbstbild und zu Fehleinschätzungen. Hier kann ein Coaching helfen.“

Wer sich zum Coach ausbilden lassen möchte, hat hierzulande sehr viele Möglichkeiten dafür. Heiner Diepenhorst, Coach aus Berlin, betreibt die Online-Plattform Coaching-Atlas.de, die über das Berufsbild und über Ausbildungsinstitute informiert – allein in Deutschland finden sich auf seiner Seite 385 davon. Das Ausbildungsspektrum reicht vom schnellen Wochenendseminar bis hin zu mehrmonatigen Kursen. Es gibt Fernkurse, Präsenzkurse, E-Learning. Auch die Kosten schwanken – von mehreren Hundert bis mehreren Tausend Euro, je nach Länge und Intensität des Kurses. „Von Wochenendseminaren rate ich ab“, sagt Coaching-Experte Rauen, „für eine ernsthafte Coaching-Ausbildung sollte man ein Jahr veranschlagen im Umfang von etwa 150 Stunden in Interaktion mit den Lehrenden.“ Stiftung Warentest, die bereits im Jahr 2013 Coaching-Ausbildungen genauer unter die Lupe genommen hat, empfiehlt sogar 250 Präsenzstunden. Christopher Rauen begründet die längere Ausbildungsdauer damit, dass man gerade im Business-Coaching auf Augenhöhe mit Menschen in Führungspositionen sprechen können müssen, dafür brauche es Erfahrung und Übung: „Es reicht nicht, sich nett mit anderen unterhalten zu können, das kann ich auch mit meinem Friseur.“

Eine gute Ausbildung erkenne man außerdem daran, wie vielfältig die Übungsmethoden seien, sagt Rauen. „Gibt es Gruppenaufgaben, supervisierte Fälle – oder sitze ich wie der Hase im Publikum und vorne turnt der Ausbilder vor – so werde ich kein Coach. Da kann ich mir auch ein Buch kaufen.“

Wichtig sei auch, die Ausbilder vorher kennenzulernen, ihre Qualifikation und Lehrerfahrung abzufragen. Und zu prüfen, wie die Zugangsvoraussetzungen sind, um an der Ausbildung teilzunehmen. Wird jeder genommen? Sollte man schon Vorerfahrung im Bereich Training oder Coaching haben? Ist der Kurs ein vertiefender Kurs?

Sebastian Mauritz arbeitet selbst als Coach und Ausbilder und ist Vorsitzender im Deutscher Verband für Coaching und Training (dvct) e.V. „Jede Coaching-Ausbildung gewinnt durch Selbsterfahrung“, sagt er, „dafür sollte man sich Zeit lassen.“

Das gilt übrigens auch für die Zeit danach. Man braucht drei bis fünf Jahre, um in den Beruf reinzukommen. „Ich finde es unseriös, einem Berufseinsteiger zu sagen: Mach die Ausbildung, dann kannst du davon leben“, stellt Mauritz klar.

Als Coach zu arbeiten, können sich viele vorstellen. „Das ist ein bisschen wie mit dem Psychologie-Studium“, sagt Katja Hewener, selbst Coach und Mitarbeiterin bei Heike Sohna in Berlin, „wer etwas mit sich klären will, meint oft, dass dieser Beruf passt.“ Doch dieser Ansatz führe nicht weit: „Es geht nicht um mich. Ich muss schon vorher alle Päckchen kennen, die ich mit mir herumzutragen habe. Als Coach muss ich mich zurück nehmen können – und Lust darauf haben, Menschen beim Finden des eigenen Weges zu unterstützen.“ Sie sei ganz klar eine Dienstleisterin, sagt auch Heike Sohna. „Unser Beruf ist nichts für Leute mit Helferkomplex.“

Christopher Rauen, der Business-Coaching-Spezialist, geht noch einen Schritt weiter, wenn er den idealen Coach beschreibt. Der sollte scheinbar widersprüchliche Eigenschaften vereinen: Sehr sensibel, mit feinen Antennen ausgestattet– aber gleichzeitig belastbar sein. Beziehungsstark und umgänglich und dabei Distanz wahren, denn ein Coach sei schließlich kein bezahlter Freund.

Trotz aller Unübersichtlichkeit und Unwägbarkeiten – insgesamt zeichnet die 4. Marburger Coaching-Studie ein positives Bild für die nähere Zukunft des Coaching-Marktes. Auftrags- und Umsatzzahlen sind einigermaßen stabil, es besteht weiterhin Wachstumspotential, Berufs- und Fachverbände bemühen sich um Qualitätssicherung und Professionalisierung.

„Als Personalentwicklungsinstrument wird Coaching immer wichtiger“, sagt Heike Sohna, „Und: die Anzahl der jungen Kunden wächst.“ Also doch – ein Beruf mit Zukunft?

Info:
Zu den wichtigsten Berufs- und Fachverbänden gehören der Deutsche Verband für Coaching und Training (www.dvct.de), der Deutsche Coaching Verband e.V. (https://coachingverband.org), der Deutsche Bundesverband Coaching (www.dbvc.de) und die Deutsche Gesellschaft für Coaching in Deutschland (www.coaching-dgfc.de) auf deren Websites man weiterführende Informationen findet. Unter anderen stellen diese Ausbildungsinstitute auch Zertifikate aus.

erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 13. März 2020