Erzieher per Fernkurs?

Es ist fraglich, ob das funktioniert. Zu Hause sitzen, die Studienhefte auf dem Schoß oder das Notebook mit dem PDF vor der Nase und sich in Themen wie Massage und Wellness vertiefen. Oder etwas über Kindererziehung lernen, nur mit dem Lehrbuch in der Hand. Über Psychologie, Palliativbegleitung oder Gesundheitsmanagement. Das sind Kurse, die Fernhochschulen anbieten, wie zum Beispiel das ILS Institut für Lernsysteme.
Es kann funktionieren, meint Thomas Neunert. Er lehrt im Fernstudium der IUBH Internationalen Hochschule, leitet den Studiengang Gesundheitsmanagement und kann auf mehr als zehn Jahre Erfahrung im Bereich der gesundheitswissenschaftlichen Fort- und Weiterbildung zurückgreifen. Die Teilnehmer, mit denen er es zu tun hat, haben einen hohen Praxisbezug, wenngleich sie den Lernstoff nur selten in Präsenzveranstaltungen vermittelt bekommen. „Unsere Studierenden aus dem Bereich Gesundheit arbeiten oft als Krankenschwestern, Pfleger oder Heilerziehende. Den Praxisbezug erleben sie jeden Tag. Mit dem Studium peilen sie den nächsten Karriereschritt an oder einen Stellenwechsel“, sagt Neunert und nennt als Beispiel die Altenpflegerin, die Gesundheitsmanagement studiert und nach zehn Jahren Dienst in der Pflege in leitende Tätigkeiten im Personalbereich des Trägers wechseln möchte. Die Grenzen des Fernstudiums bekämen eher sehr junge Studierende aufgezeigt: „Für die ganz Jungen, die direkt von der Schule kommen und viel- leicht neben dem Fernstudium noch eine Ausbildung absolvieren, kann ein Fernstudium ohne oder mit nur wenigen Präsenzphasen schon ein ordentlicher Ritt werden. Aber sie können es meistern.“ Doch sie bräuchten viel Eigenmotivation.
Bei der IUBH wie auch an anderen Fernhochschulen oder Fernlerninstituten sollen Study Coaches Studien- oder Kursanfängern dabei helfen, die Komplexität des Studiums zu bewältigen. Diese Helfer haben die Aufgabe, die Teilnehmer zu beraten und zu motivieren. „Wenn Fernstudierende ihr Studium abbrechen, ist dafür manchmal die räumliche Distanz der Grund“, gibt Neunert zu, „deshalb legen wir viel Wert auf eine gute Betreuung.“ Auch mit Kleinigkeiten versucht man bei der IUBH, die Distanzen zu überwinden. Zum Beispiel duzen sich alle – Studierende und Professoren. Erfolgversprechend ist ein guter Mix von Onlineformaten und Präsenzveranstaltungen Martin Dinter arbeitet als Study Coach an der IUBH. „Die meisten Studierenden bei uns haben wenig Erfahrung mit akademischem Lernen, oder es liegt schon viele Jahre zurück“, sagt der studierte Erziehungs- und Bildungswissenschaftler. „Wir gehen aktiv auf die Studenten zu, schreiben sie per Mail an und vereinbaren Telefontermine. Denn die Freiheit des Fernstudierens kann auch eine große Bürde sein.“ Gemeinsam mit dem Lerncoach entwickeln die Studierenden Lernstrategien und schauen aufs Zeitmanagement.
Doch den Praxisbezug kann auch kein Lerncoach vermitteln. Julia Schuckmann hat am ILS Institut für Lernsysteme einen Kurs als Fitnessberaterin abgeschlossen: „Mir ging es vor allem um das anatomische Wissen, das haben die Studienhefte gut vermittelt.“ Allerdings war sie froh, als die ersten Präsenztage in Sicht kamen. „Ich habe mich immer gefragt: Mache ich die Übungen richtig? Die Präsenztage haben mich darin bestärkt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“ Fernlerninstitute nutzen schon lange nicht nur die guten alten Studienhefte, die es auch als PDFs oder E-Paper gibt, sondern auch Onlineformate: Filme, eigene, interaktive Lernplattformen, Livechats mit Betreuern. Einige Weiterbildungsteilnehmer schließen sich auch zu Lerngruppen zusammen und tauschen gegenseitig Material aus. „Wir achten darauf, dass wir die Studienmaterialien so entwickeln und die Teilnehmer so ansprechen, dass sie sich akiv mit den Inhalten auseinandersetzen können – das erhöht nach unserer Erfahrung den Lerneffekt“, sagt Kirsten Huter, die am ILS für die Bereiche Kreativität, Persönlichkeitsentwicklung und Gesundheit zuständig ist. Zum Beispiel fordere man die Teilnehmer dazu auf, sich eine Übungsperson aus dem privaten Bereich zu suchen, etwa bei den Lehrgängen zum Fachpraktiker für Massage, Wellness und Prävention oder zur Kosmetikerin. Videos ergänzen dann die schriftlichen Unterlagen. „Das hat Vorteile: Man kann so oft zurückspulen, wie man möchte und sieht die Griffe und Bewegungen viel besser als in ei- nem Präsenzkurs, in dem man vielleicht in der dritten Reihe hintansteht“, meint Kirsten Huter.
„Das Design der Studieninhalte ist für den Lernerfolg entscheidend“, sagt Maximilian Sailer. Er ist Professor am Lehrstuhl für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der LMU München und beschäftigt sich mit Lehr- und Lernforschung im Hochschulbereich. Aus seiner Forschung weiß er, dass gerade Onlinekurse eine höhere Abbrecherquote verzeichnen als Präsenzveranstaltungen. Den Hauptgrund sieht er in mangelhafter Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden. „Lernprozesse bringen neue Fragen hervor. Wer auf diese keine prompten Rückmeldungen bekommt, steigt aus“, fasst er seine Erfahrungen zusammen. Gerade soziale Kompetenzen seien online nur schwer vermittelbar. Er plädiert deshalb für Blended Learning, bei dem Präsenz- und Online- oder Fernlernphasen verknüpft werden. Und für eine enge Betreuung durch Tutoren oder Coaches. „Fernlernende sollten in ihrer intrinsischen Motivation gefördert werden. Wer Spaß und Freude am Thema entwickelt, bleibt dabei“, sagt Sailer.
So wie Evlies Michel. Die Bankangestellte aus Hessen hat im Frühjahr dieses Jahres per Fernlehrgang eine Ausbildung zur Palliativbegleiterin abgeschlossen. Sie stand die ganze Zeit über in engem Kontakt mit ihrem Tutor. „Das hat mich sehr motiviert, er hat mir auf meine Fragen schnell geantwortet, maximal innerhalb von ein bis zwei Tagen, und immer etwas Persönliches dazu geschrieben“, sagt Michel. Im Gegensatz zum Study Coach, der ausschließlich als Motivator tätig ist, erstellen Tutoren zudem Aufgaben für die Lernenden und korrigieren diese. Den dreitägigen Präsenzkurs in Hamburg, der zu ihrer Ausbildung gehört, fand Michel gut, aber auch sehr anstrengend: „Acht Stunden am Tag über Tod und Sterben reden, das geht doch ganz schön an die Substanz“, meint sie, „ich bin Einzelkämpferin, das Allein-Lernen passt besser zu mir.“

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erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 22. Juni 2018